
Ich kam auf die Welt am 11.07.1974. Meine Eltern waren noch sehr, sehr jung. Meine Mutter 18 und mein Vater 19. Ich habe mich riesig gefreut auf die Welt zu kommen. Anfangs war alles sehr, sehr schön. Meine Eltern haben sich um mich gekümmert und mich gepflegt und ich denke ich war für unsere Familie eine große Freude. Ich war ein lebenslustiges, aufgewecktes Schätzchen. Kurz bevor ich eingeschult wurde, erfuhr ich, daß sich meine Eltern trennen werden. Diese Tatsache war für mich nicht einfach. Ich wußte zwar, daß wir nichts dagegen machen konnten, aber als mein Vater auszog wußte ich genau, daß er für immer weg war und das war für mich nicht einfach. Ich fühlte mich verlassen und allein gelassen. Dies war für unsere gesamte Familie eine sehr schwierige Situation.
Ich wuchs in einem kleinen Dorf im Ries auf, und wurde sehr traditionell erzogen. Das Landleben ist sehr ruhig und es passiert selten etwas spektakuläres und so eine Scheidung war damals etwas spektakuläres. Ich lebte weiterhin bei meiner Mutter. Sie war nicht übermäßig streng und ich hatte viele Freiheiten. Meine Familie arbeitete auf dem Feld oder unserem Bauernhof und ich war dann alleine und konnte machen, was ich wollte.

Ich war ein sehr selbständiges, kreatives Kind. Während meiner Kindheit dachte ich mir immer wieder neue Dinge aus. Meine Freundinnen und ich organisierten in den Sommerferien Veranstaltungen für die Dorfkinder z. B. einen Zirkus, spielten die Show „Wetten daß“ oder andere Fernsehshows nach.
Bei meiner besten Freundin im Nachbardorf hatten wir eine „Villa“ in einer Maschinenhalle. Dort trafen wir uns in den Ferien und spielten unsere ausgedachten Rollen der Bewohner der „Villa Reizenstein“. Es gab auch eine Villa-Zeitung und eine Villa-Fete mit Kinderunterhaltungsprogramm und Zirkus-Turn-Nummern zur Unterhaltung unserer Eltern. Meine Kindheit war voller Kreativität und Abenteuer.
Als es später um die Berufswahl ging, wußte ich nicht wirklich, was ich machen sollte. Die Möglichkeiten bei uns auf dem Lande waren sehr begrenzt. Irgendeinen langweiligen Bürojob wollte ich nicht machen und zur Bank wollte ich auch nicht, das stellte ich mir noch langweiliger vor. Eigentlich wollte ich weg in eine größere Stadt und was erleben. Aber das war mit 16 Jahren noch nicht möglich. So begann ich 1990 eine Ausbildung zur Arzthelferin. Es war kein schlechter Job, ich hatte mit Menschen Kontakt, was mir großen Spaß machte und lernte viel im medizinischen und organisatorischen Bereich. Leider war mein Chef ein Perfektionist. Er explodierte, wenn irgend etwas nicht reibungslos klappte. Und da wir mit Menschen zu tun hatten und die nun mal nicht perfekt sind, explodierte er öfter. In dieser Zeit bewarb ich mich an Schulen für Logopädie und Krankengymnastik. Dies hat aber nicht funktioniert. So hätte ich weggehen können und später eine eigene Praxis aufmachen. Eine eigene Praxis wäre mein großer Wunsch gewesen und ich hätte Menschen helfen können.
So arbeitete ich weiter als Arzthelferin und es war alles sehr schwer und langweilig für mich. Mein Leben war nicht so wie ich es mir vorstellte. Ich wollte meinen eigenen Weg gehen, konnte aber auch nicht genau sagen, wie der aussehen sollte. Ich war innerlich sehr unglücklich, denn ich konnte im Außen nicht die Person sein, die ich wirklich war.
Mit 21 Jahren lernte ich meinen Freund kennen. Vom ersten Augenblick wußte ich, daß es der richtige für mich war. Obwohl er mir auch etwas Angst machte, denn er war so abenteuerlustig, offen und kreativ und hatte eine reiche Vorstellungskraft. Aber ich fand so das Leben, daß ich immer gesucht habe. Ohne ihn hätte ich mich den Weg nie so gehen trauen. Ich fand bei einem Talente- und Begabungstest heraus, daß ich überdurchschnittlich kreativ sei. Dies war mir bis dahin überhaupt nicht bewußt. Ich beschloß mehr im kreativen Bereich auszuprobieren und begann Zeichen- und Malunterricht zu nehmen. Im Sommer 2000 ging ich nach Neuburg a. d. Donau zur Sommerakademie 2 Wochen Malkurs. Durch einen glücklichen Zufall bekam ich einen jungen freischaffenden Künstler als Dozenten, der uns sehr frei arbeiten ließ. Vom ersten Moment an wußte ich, daß die Malerei und Kunst, daß war, was ich schon immer gesucht hatte. Ich arbeitete während der Zeit im Labor in einer Firma die Aromen für Getränke entwickelte. Mir machte der Job großen Spaß. Ich hatte einen sehr guten Chef, der mich förderte und mir immer wieder neue, verantwortungsvollere Aufgaben übertrug. Berufsbegleitend ging ich jedes Jahr zur Sommerakademie nach Neuburg und sog das Wissen über Kunst und Malerei in mich auf.
Im Januar 2004 war es dann soweit. Ich mußte eine Entscheidung treffen. Innerlich fühlte ich mich leer. Ich war zwar erfolgreich mit meiner Laborarbeit, aber es bedeutete mir nichts. Ich hatte immer das Gefühl mich nicht so zeigen zu können wie ich wirklich war. Ich wollte alles, was in mir war, meine Ideen, Kreativität und Gefühle nach außen
bringen. Die Entscheidung war sehr schwer für mich, da wir 3 Jahre zuvor ein Haus gekauft hatten und einen Kredit abzahlen mußten.
Es war für mich als ob ich in einen tiefen Abgrund des „Nichtswissens“ springen sollte und nur mein Vertrauen darauf hatte, daß alles gut werden würde. Meine Seele schrie danach mein Leben zu verändern, mein Verstand erklärte mich für verrückt einen sicheren, guten Job aufzugeben. Ich kündigte im Januar 2004 und es war eine meiner besten Entscheidungen, die ich traf in meinem Leben. Nun arbeite ich seit der Zeit im Atelier und es ist das Leben, daß ich immer gesucht habe. Es ist meine Berufung.
Es ist nicht immer leicht, denn künstlerische Arbeit führt einen immer wieder an seine Grenzen. Es ist ein sehr intensiver Beruf, der alles von einem fordert. Doch ich möchte nie mehr etwas anderes tun. Mein Leben hat sich zum besseren gewendet in allen Bereichen. Es ist nicht mehr so sicher, aber es ist abenteuerlicher, interessanter und lebendiger geworden. Nun kann ich mich voll und ganz so zeigen wie ich bin mit allen Talenten und Fähigkeiten und jeden Tag entdecke ich neue Seiten an mir.
Mit dieser Geschichte möchte ich Ihnen Mut machen, auch mal ein Abenteuer einzugehen. Sie müssen nicht gleich ihren Job an den Nagel hängen, aber sie können ihre Freizeit nutzen, neue Dinge auszuprobieren, die sie schon immer interessiert haben.
Geben Sie dem Leben die Chance Ihnen zu zeigen, wer Sie sind.
Claudia „Kallissa“ Göttler